Donnerstag (13.09.07): Daniel (Brasilianer – early return) zum Flughafen bringen und beim Emerald’s Backpacker Hostel übernachten
- Im folgenden Bericht wurden wegen persönlicher Details z.T. falsche Namen verwendet -
14.09.07, 08:55, Emerald’s am Pool
Ich hatte gestern abend einen sehr witzigen abend mit Daniel, einem Austauschschüler aus Brasilien, Sao Paolo. Gestern gegen 16:00 hab ich ihn mit Claudia vom Busbahnhof in Johannesburg abgeholt und bin mit ihm zum Dinner in die Rosebank-Mall gefahren, wo wir um 20:00 von Bert (momentaner National Direktor von AFS RSA, Belgier, 28 Jahre alt, schwul, reist ziemlich viel für AFS durch die Gegend, scheint zufrieden und glücklich, Organisationstalent, sehr cooler Typ!, kann eventuell ein paar meiner momentanen Probleme lösen (dazu später mehr)) abgeholt und zum Hostel gefahren wurden.
Im Auto saß noch Bongani (Board-Member, schwarz, ebenfalls schwul, ca. so alt wie Bert), der sich mit Daniel über brasilianische Tele-Novelas unterhalten hat. Daniel konnte es kaum fassen, dass ein südafrikanischer Board Member (ehrenamtliches Vorstandsmitglied) sich mit ihm über Tele-Novelas aus seinem Heimatland unterhält (er kannte die, da er selber als Austauschschüler mit AFS in Paraguay bei einer brasilianischen Familie gelebt hat).
Da saß ich nun: mit einem Belgier, einem Südafrikaner und einem Brasilianer in einem roten Auto über den Highway von Johannesburg fahrend und lauschte einer Unterhaltung über brasilianische Telenovelas
das ist AFS!
Im Emerald’s angekommen checkten wir in unser Zimmer ein: natürlich Zimmer 207, das dormatory (günstigster Schlafraum mit 10 Betten, wo verschiedenste Gäste im selben Raum schlafen) und nicht eins von den schönen Zimmer mit Doppelbett, Leopardenbettwäsche und großem Badezimmer wie das letzte Mal beim Orientation-Camp. Dies liegt daran, dass AFS RSA (RSA=Republic South Africa) immer mehr einsparen muss: früher gingen die Orientation-Camps über 4 Tage in einem netten Hotel und sie haben Besuche ins Apartheid-Museum gemacht und sich Johannesburg angeschaut; das ist inzwischen nicht mehr möglich (bzw. wurde einfach sehr stark gekürzt und in das günstigste Hostel in Flughafennähe verlegt). AFS RSA hat allgemein einen eher schlechten Ruf, da es seit mehreren Jahren durch eine größere Krise geht und Dinge nicht so laufen, wie sie sein sollten. Es gibt eine recht hohe Mitarbeiterfluktuation und auch ein paar von den aktuellen Staff-Membern meinen ab und zu „fuck this place, I wanna go!“ (eine wird wahrscheinlich tatsächlich bald aufhören).
Da wir unser Dinner schon im Steakhouse der Rosebank-Mall hatten (Bert hat uns 200 Rand gegeben, die er aus der eigenen Tasche gezahlt hat, Moira würde sowas natürlich nie bewilligen) haben wir im Hostel nichts mehr gegessen, sondern uns einfach jeder ein paar Bier gekauft (R10 je Bier, Cidre, Chips, etc.) und gechillt. Dabei hab ich ein bisschen mehr über Daniel und sein interessantes Leben erfahren:
Daniel ist ein 17-jähriger Junge aus Sao Paolo der im April 2007 mit AFS in einem Schüleraustauschprogramm nach Südafrika, Pieter-Maritzburg (Kwazulu-Natal) gekommen ist.
Er hat aus verschiedenen Gründen das Programm frühzeitig abgebrochen und ist bereits nach 5 Monaten (statt geplanten 11) zurück nach hause geflogen. Meine Aufgabe bestand darin, ihn vom Busbahnhof in Joburg bis zum Gate im Flughafen zu begleiten und sicherzustellen, dass er problemlos seinen Flieger nehmen kann.
Seine Erscheinung ist recht prägnant: etwas kleiner als ich, latein-amerikanisches Gesicht, lockiges schwarzes Haar, braune Augen, enge Jeans, lila-farbenes T-shirt, schmale Winterjacke mit Pelzkragen die kurz über Gürtelhöhe aufhört (oder beginnt, je nach Blickwinkel) … Ja, auch er ist schwul
Sein Familienhintergrund ist nicht gerade einfach: seine Mutter beschreibt er selber mit einem Grinsen als „crazy“ und „sweet“, sie hat ein Skorpion-Tatoo am Unterarm und ein weiteres Pegasus-Tatoo. Danilo selber hat gesagt, dass sie nichts wirklich ernst nimmt und z.T. lacht, wenn er mit seinen Ängsten und Sorgen zu ihr kommt („haha, you are gonna cry when you return early“). Die Familie lebt in Sao Paolo ziemlich nah bei 2 Favelas (obwohl die Großfamilie einigermaßen reich ist und sein engerer Familienumkreis auch nicht grade arm ist), von denen man jede Nacht Schüsse hört. Als er eines Tages vor so einem Gun-Fight weggelaufen ist, hat ihn eine Kugel im Rücken getroffen und er ist nach Hause gelaufen, ohne dass er was gemerkt hat. Zu hause angekommen meinte seine Mutter nur: „Daniel, du blutest.“ „nein Mama, guck“ *fässt mit der Hand an den Rücken* *Hände sind blutverschmiert* „Oh, du hast Recht.“ „Ja, du musst zum Arzt. Ruf deinen Opa an, ich bin zu betrunken, um zu fahren.“
Seine Mutter trinkt sehr regelmäßig (vorm Fernseher immer mit einem Glas Wodka) und war auch lange Zeit auf Koks. Als Daniel 14 war, saß er um 3 Uhr nachts noch am Computer um zu chatten als seine Mutter nach Hause kam. Er ging an ihre Tasche, um sich Geld zu nehmen, um sich davon am nächsten Tag Zigaretten zu kaufen (seine ganze Familie raucht und seine erste Zigarette hat ihm seine Mutter gegeben) und fand ein Päckchen mit weißem Pulver. Obwohl er wusste, was es war, fragte er seine Mutter „Mama, was ist das?“. Sie kam in Erklärungsnot und fing an ganz schnell zu reden: „das gehört nicht mir, das ist Niquitas, ich soll’s für sie aufbewahren“. Danilo fängt an zu weinen: „Mama, du lügst, ich weiß, es ist deins! Du bist meine Mutter und nimmst Koks! Du wirst sterben und mich alleine lassen!“ … Seitdem hat er sie nie wieder high gesehen oder bei ihr Koks gefunden. Ihr Alkoholproblem hat sie allerdings nach wie vor nicht im Griff (obwohl er es nicht als Problem formuliert hat, er meinte nur lächelnd: „ach, meine Mama trinkt immer Wodka beim Fernsehen gucken und irgendwann hat sie ihren Führerschein weggeschmissen, da sie eh meistens zu betrunken ist, um Auto zu fahren.“ Als er 13 war hatten sie folgende Konversation: „Mama, lass mich auch mal vom Wodka probieren.“ Sie guckt ihn mit ihren tiefen Augen an „Nein Daniel, du darfst das noch nicht, erst wenn du 18 bist.“ „Ok, dann werd ich’s heimlich mit meinen Freunden machen.“ Sie wollte, dass ihr Sohn die Erfahrung des Betrunkenseins das erste Mal unter ihrer Kontrolle macht; er hat 2 Shots Wodka bekommen.
Mit 12 hat ihn seine Mutter zu einem Casting für Kindermode einer großen Modeagentur mitgenommen und er hat für einen Katalog als Model seinen ersten Auftrag bekommen. Später hat er weitere Aufträge bekommen und als er 16 war, hat seine Chefin ihm bereits so viel Vertrauen entgegen gebracht, dass er mit dem Geld der Agentur arbeiten konnte (Models bezahlen, Klamotten kaufen, etc.). Er wird auf diverse Mode-Events geschickt und verdient z.T. bereits gutes Geld (er ist 17 und hat 14.000$ auf seiner Kreditkarte). Morgens um 7 geht er zur Arbeit, arbeitet für die Agentur (hat sein eigenes kleines Büro), geht abends zur Schule und kommt um 23:00 nach hause um vor dem schlafen gehen nochmal schnell was zu essen. Es gefällt ihm im Modebusiness, allerdings seien dort viele falsche Schlangen, man weiß nie, wie die Person zu einem steht; auch wenn sie vordergründig noch so nett zu einem ist. Giselle Bündchen soll unter dem Aspekt besonders schlimm sein.
Drogen sind in den Modekreisen sehr verbreitet, besonders in Sao Paolo bekommt man sie an jeder Ecke, erzählt Danilo. Er selber nehme keine, da er sieht, wie sie einen zerstören, seine Freunde hingegen schon: Koks um sich zu hochzupuschen und Gras um wieder runterzukommen …
Wir hatten eine interessante Unterhaltung über den potentiellen Sinn des Menschen: er meinte der Mensch sei ein Virus. Er lebt in seinem Träger (der Erde), pflanzt sich fort, zerstört seine eigene Lebensgrundlage und sucht sich einen neuen Träger (neuer Planet sobald der hier verbraucht ist).
Sein Austauschprogramm hat er früher als geplant abgebrochen, da er viele Probleme mit seiner Gastfamilie und Schule hatte. Die Gasteltern waren so gut wie nie zu hause und eine „Maid“ hat sich um ihn und seine beiden jüngeren Gast-Geschwister gekümmert. Scheinbar hatte sie jedoch ein Problem mit ihm: die Milch hat sie vor ihm versteckt wenn er Cerealien essen wollte, sein Zimmer hat sie nach Sachen durchsucht, die er nicht haben sollte, bis er eines Tages eine selbstgebastelte Maske an seine Zimmerwand genagelt hat. Diese Maske sei Teil seiner Religion und werde sie mit einem Fluch belegen, wenn sie noch einmal in seinen Sachen rumwühlt. Seitdem war sie nur noch sehr selten in seinem Zimmer … Wenn die Gasteltern doch mal zu hause waren, haben sie erwartet, dass er sich um sie kümmert: morgens Frühstück für sie machen, schnell kommen und was zu trinken bringen, wenn sie ihn aufm Handy anrufen (und wenn sie nach „Wasser“ fragen, hat gefälligst Eis und Zitrone drin zu sein). Zu den Geschwistern hat er auch nicht wirklich eine gute Beziehung aufgebaut und die „Freunde“ in der Schule haben z.T. hinter seinem Rücken einer anderen Freundin erzählt, dass er über sie gelästert habe … Einmal standen Taxifahrer vor seiner Haustür und wollten Geld von ihm haben, dass er nicht bezahlt habe (seine Freunde sind nach einer Taxifahrt von seinem Haus aus aus dem Taxi geflüchtet ohne zu bezahlen). Ein anderes Mal haben 2 große schwarze Schläger nach ihm an seiner Schule gesucht –> er weiß bis heute nicht warum, ist aber glücklich, dass er an dem Tag nicht da war. In der Schule wurde er öfter von Mitschülern verprügelt, weil sie etwas gegen Schwule haben … Allgemein war er sehr unglücklich in dem Ort zu sein, in dem er lebte, da man da nichts machen könne und die AFS-Freiwillige, die sich um die Gegend kümmern sollte, nicht wirklich ihren Job macht. Eigentlich wäre es ihre Aufgabe gewesen, ihn regelmäßig zu kontaktieren, nach dem Stand der Dinge zu fragen und gegebenenfalls zusammen mit Schüler und Familie die Probleme zu lösen. Als er sie gebeten hat, die Familie zu wechseln meinte sie nur: „No, that is a good family. Otherwise, you can live with me.“ Mit ihr zu wohnen, wäre jedoch nur noch schlimmer gewesen, meinte Daniel.
Als ich Moira davon erzählt habe, was Daniel mir berichtet hat, hat sie nur sehr aufgebracht reagiert und meinte, er wäre ein Lügner, die Familie wären tolle Leute (ich vermute, sie kennt sie nicht einmal) und das einzige Problem wäre, dass er einmal 5 Eier auf einmal braten wollte, woraufhin ihm die Maid gesagt hat, dass das nicht geht. Der einzige Grund warum er früher gefahren ist, war dass er Probleme mit seinen Mitschülern hatte … Ich bemerke momentan, dass auf Grund fehlender Gastfamilien oft deren Standpunkt von den AFS-Mitarbeitern eingenommen wird, um sie nicht als potentielle zukünftige Gastfamilien zu verlieren …