Freitag (14.09.07) – Sonntag (16.09.07): AGM (Annual General Meeting von AFS)
Nachdem ich Daniel erfolgreich zum Check-In begleitet hab, wartete ich auf den Shuttle-Minibus, der mich zurück zum Hostel bringen sollte. Da dieser wie immer auf sich warten ließ, bin ich im „International Departure“-Bereich ein bisschen mit meiner Musik hin- und hergewandert wobei mir auffiel, wie sehr ich sie vermisst hab. Als der Minibus nach über einer halben Stunde immer noch nicht da war, hab ich eine von den Parkhelferinnen gefragt, wie lange man von den „Arrivals“ zu „Departures“ braucht und mir ist mal wieder aufgefallen, was für ein Unterschied zwischen Deutschland und Südafrika existiert … In Deutschland hätte ich vermutlich eine einsilbige Antwort bekommen bevor sie sich wieder ihrer wichtigen Arbeit zugewandt hätte, aber sicher nicht ein ehrlich gemeintes Lächeln und ne kurze Unterhaltung. Genau so die andere Service-Kraft, die zu einer nur in ihrem Kopf existierenden Musik getanzt hat, wenn grad kein Auto da war
Allgemein können die Frauen hier seeehr gut tanzen und sich extrem sexy bewegen (bisher wirklich alle, die ich tanzen sehen hab!): liegt wahrscheinlich tatsächlich im Blut …
Auf dem Weg zum Hostel hab ich den weißen Fahrer mal gefragt, ob er die Apartheid-Ära erlebt hat und wie es in der Zeit war. Er meinte daraufhin, dass es besser war als sie noch die Zügel in der Hand hatten („was better when WE still ruled!“). Seit den ersten freien Wahlen (die Worte hat er natürlich gebraucht) 1994 wär alles schlechter geworden (zumindest für Leute wie ihn, denen es vorher gut ging und die keine Probleme mit der Apartheid hatten). Damals hätte es keine Kriminalität gegeben und man dürfe nicht alles glauben, was einem erzählt wird (über die Apartheid-Ära). Er habe kein schlechtes Gewissen, da er niemanden etwas getan hat (das ganze Thema hat er jedoch recht emotional dargestellt, was mich schlussfolgern ließ, dass er sich doch schuldig fühlt oder zumindest das Gefühl hat, sich rechtfertigen zu müssen).
Wir wollen das Hostel wahrscheinlich wechseln, da der Service nicht unbedingt der beste und der Besitzer (ebenfalls ein alter Bure) ziemlich unfreundlich ist.
Im Hostel angekommen musste ich erstmal warten, bis ich mein Zimmer wechseln konnte (hatte kein Bock mehr auf Dormatory und AFS hat das halbe Hostel für das AGM gemietet), da die Zimmer noch saubergemacht wurden. In der Zwischenzeit hab ich mich in ne Liege an den Pool gechillt und etwas gelesen und den letzten Bericht (über Daniel) angefangen zu schreiben. Als ich dann ins Zimmer konnte, war es schon fast 12 und ich hab noch auf das Mittagessen gewartet bevor ich versucht hab zu pennen. Aus irgendeinem Grund bin ich trotz großer Müdigkeit nicht sofort in Tiefschlaf gefallen, sondern hab nur vor mich hingedöst bis Bert angekommen ist, mit dem ich dann zusammen die Einrichtung im Zelt für’s AGM aufgebaut hab.
Am Abend kamen nach und nach der Großteil der eingeladen freiwilligen Mitarbeiter (Volunteers) von AFS. Meine Aufgabe war es, die ankommenden Gäse zu begrüßen, ihnen die Schlüssel für ihre Zimmer sowie die Infomaterialien für das Meeting zu geben. Beim Vorbereiten und Aufbauen hat mir Nicole, eine sehr nette AFS-Freiwillige geholfen. Wir haben währenddessen immer etwas rumgeflaxt und unseren Spaß gehabt (später hat sie mir verraten, dass sie mich bereits ein paar Tage vorher am Telefon sehr sympathisch fand, als ich ihr die Details vom AGM mitgeteilt hab).
Als alle Personen eingetroffen sind und eingecheckt haben, war Zeit für etwas Small-Talk bevor Berts Eröffnungsrede und damit das Buffet begann.
Ich saß an einem Tisch mit den ganzen jungen AFSlern: Lisa, Yvette, Nicolette und Vee-Kay (hübsche Volunteers aus Grahamstown), Claudia, Isa und Marian (den ich an dem Abend das erste Mal persönlich getroffen hab).
Nach dem gemeinschaftlichen Dinner war ein Tanzabend im Konferenzzelt geplant, allerdings kann ich hiervon nicht all zu viel berichten, da wir recht bald das Hostel verlassen haben und uns auf den Weg zu unserer eigenen Abendplanung gemacht haben. Isa war zu einer „Matric-Dances-After-Party“ (Abiball-Afterparty) eingeladen und hat Marian und mich eingeladen, mit ihr zu kommen. Da wir uns aber alle auch sehr gut mit Nicole verstanden haben und sie mich vorher so traurig angeschaut hat und uns viel Spaß gewünscht hat, hab ich die beiden gefragt, ob wir sie nicht auch mitnehmen können … Konnte sie ja nicht einfach so mit den Scharen von alten AFS-Freiwilligen zurücklassen
Isa wusste nicht wirklich, wo diese Party eigentlich war, wir sollten ihre Freunde aber auf dem Parkplatz einer Mall in der Nähe treffen. Dort sind wir dann hingefahren und haben uns auf die anderen wartend zu 4. im Auto vergnügt. Irgendwann haben wir dann genug gewartet und Isa hat ihren Gastbruder angerufen (der die After-Party organisiert hat) und gefragt, wo die denn bleiben. Typisch afrikanisch meinte er, der Plan hat sich spontan geändert, wir sollten zum Southern Comfort (nicht der Whiskey sondern ein nobles Hotel in der Nähe vom Flughafen) kommen, da sammeln sich grade alle auf dem Parkplatz (auch sehr typisch für Südafrika: Spontanpartys auf irgendwelchen Parkplätzen). Also wir dahin und treffen dann auch sofort ca. 17 von Isa’s Freunden. Überall waren schwarze, weiße, farbige Mädchen in ihren Ballkleidern aufgebretzelt (die Jungen in Anzügen) und am rumwuseln um zu organisieren, wo man denn nun hinfährt. Irgendwie wusste niemand so richtig, wie man denn nun vom Flughafen zu der Party kommt und niemand von uns (außer mir) hatte Airtime (Gesprächsguthaben) als Bobo (Isa’s Gastbruder) zu unserem Auto kam und meinte, er müsste mal den Typen anrufen, dem das Haus gehört, wo wir hinwollen. Also gab ich ihm mein Handy (Isa meinte ich kann ihm vertrauen, ist ja schließlich ihr Gastbruder (und tatsächlich sehr cooler Typ)) und das nächste woran ich mich erinnere ist, dass wir in einer Kolonne mit ca. 10 Wagen zu dieser Party fahren. Wiedermal typisch Südafrika: man weiß nicht genau wo man hinfährt, verfährt sich natürlich, kommt letztendlich aber doch nach einer Stunde Fahrt durch Johannesburg am Zielort an. – Allgemein fährt man hier sehr viel längere Strecken, um Freunde zu besuchen oder zu einem Braai oder einer Party zu kommen –
Endlich angekommen fanden wir uns vor einem Haus wieder, vor dem ca. 30 Autos und entsprechend viele Personen standen. Kurz Smalltalk vor der Tür gehalten, hübsche Mädels zu ihren schicken Outfits beglückwünscht und auf zu der Eingangstür: natürlich nicht vom Haus selbst, sondern vom Grundstück. Diese sind hier immer mit Mauern, elektrischen Draht, automatischen Gattern u.Ä. gesichert.
Vor dem Tor zum Garten stand ein Pulk von Personen, die groß am drängeln und diskutieren waren, da sie reinkommen, aber keinen Eintritt zahlen wollten. – Das Haus wurde von einem Freund gemietet und es wurde Eintritt genommen, um die Kosten wieder reinzubekommen – Wir sind mit Bobo und Isa ganz schnell umsonst reingekommen, da er das ganze ja organisiert hat.
Nun befanden wir uns im Vorgarten, wo man von verschiedenen Leuten, die man noch nie gesehen hat mit Grinsen und Handschlägen begrüßt wird: auch eine südafrikanische Art. Es passiert hier öfter, dass man auf der Straße oder in der Mall von wildfremden Leuten begrüßt wird, als würden sie einen schon Ewigkeiten kennen … Sehr freundliche und kontaktfreudige Leute hier
Im Haus wurden nicht großartige Veränderungen vorgenommen, ein normales Familienhaus, in dessen Lounge große Boxen und Mischpulte aufgebaut wurden. Im Wohnzimmer haben es sich Leute auf den Sofas gemütlich gemacht, in der Küche wurde sich am Kühlschrank bedient und in der Lounge wurde verzweifelt versucht, das Soundsystem zum Laufen zu kriegen.
Unglücklicherweise wollten die Leute keinen Eintritt zahlen und auch die Musik wollte nicht so richtig wie die Organisatoren. Dadurch hat sich die After-Party mehr zu einer Chill-Session mit weniger Leuten entwickelt … Was sehr auf die Stimmung der Organisatoren gedrückt hat, da sie durch diesen Abend viel Geld verloren haben.
Nichtsdestotrotz wurde es noch ein sehr interessanter Abend mit verwirrten Leuten, die partout nicht verstehen wollten, dass wir nicht in Istanbul leben, wenn wir aus Deutschland kommen und anderen interessanten Charakteren. Um 3 wollte ich allmählich schlappmachen (inzwischen hab ich mein Handy auch wiederbekommen -sogar mit etwas Rest-Airtime-) und mir ein Bett suchen, welches ich auch bald gefunden hab. In 5 Minuten Abständen kamen Isa, Nicole und Marian nach und haben sich dazu gesellt. Da lagen wir nun: zu 4. Im Doppelbett und natürlich kamen und gingen verschiedene Leute durch das Zimmer: ein Kerl kam z.B. rappend rein und bleibt dort die nächsten 4 Stunden und erzählt von sich, Frauen (im Allgemeinen und speziell denen im Bett) , das Problem zwischen Schwarzen und Weißen, wie es ist/war als Schwarzer in diesem Land zu leben und diversen anderen Dingen, die ihm noch durch den Kopf gingen, während 2 andere Freunde von ihm sich für ihn entschuldigen und mit ihm diskutieren … Wir hatten auf jeden Fall unseren Spaß
Um 7 mussten wir dann allmählich wieder los um rechtzeitig wieder beim AGM zu sein. Wir haben den Weg etwas überschätzt und waren innerhalb von 15 Minuten wieder beim Hostel … Also hatten wir noch mehr als genug Zeit zum Duschen und Frühstücken (was ich weggelassen hab, um wenigstens noch eine halbe Stunde Intensivschlaf zu kriegen).
Den Rest des Tages wurde im Konferenzzelt besprochen, wie die Situation von AFS verbessert werden kann, mehr Freiwillige und Gastfamilien gefunden werden können, was eigentlich die Aufgabenbereiche von Freiwilligen und Office-Mitarbeitern sind, etc. …
Was ich ziemlich interessant fand, war eine Untersuchung, die Psychologen mit AFS-Austauschschülern gemacht haben: nämlich die Entwicklung des kulturellen Verständnisses (sowohl der eigenen, als auch fremder Kulturen). Leider krieg ich nicht mehr alles zusammen, ich kann euch bei Interesse jedoch mal die Unterlagen der Untersuchung zuschicken. Was ich hierbei besonders interessant fand war, dass die Austauschschüler oftmals nicht nur ihre Beziehung zu fremden Kulturen verbessert haben, sondern speziell auch zu der eigenen.
Dies beobachte ich momentan auch bei mir sehr stark: Ich hatte nie wirklich eine große Verbundenheit zu Deutschland und wollte so viel wie möglich raus aus dem Land. Jetzt wo ich 10000km von meiner „Heimat“ (diesen Begriff hätte ich sonst nie gebraucht) entfernt bin und über mein Leben in Deutschland von einer Distanz aus reflektieren kann, merke ich, dass ich doch eine große Verbundenheit zu meiner Heimatstadt und Umgebung habe/aufbaue.
Als alles berufliche erledigt war und die meisten Freiwilligen nach Hause gefahren sind, blieben nur noch einige Leute zurück: Ryan (stranger Kerl, der Adult-clubs in Cape Town besitzt), Nicolette, Megan, Lisa, Marian und ich sind die Personen an die ich mich noch erinnere ![]()
Bis auf Ryan saßen wir alle am Tisch, aßen Chips, tranken Bier und diskutierten fleißig über Gott und die Welt. Wiedermal kam das Thema Schwarz/Weiß auf, welches von Nicolette (schwarzes Mädchen aus Grahamstown (recht weit von Joburg entfernt)) und Lisa (weißes Mädchen aus Joburg) ziemlich emotional diskutiert wurde:
Nicolette: Nah, I don’t believe in Evolution.
Lisa: But it’s nothing to believe in or not to believe in: it’s proven by the Science. Don’t you have Anthropology as a subject?
Nicolette: But the whole Science is dominated by white people. They brought it to Africa, we didn’t have any Science here before the Whites came in this country. So they could tell us anything what is proven by the Science … Same with Shaqa Zulu (ein großer erbarmungsloser Stammesführer der Zulu): who made the whole documentation about him?
Lisa: The Whites.
Nicolette: Exactly, as it is always: history is made by the winner. So, how can you know if it’s true what they teach us about Shaqa Zulu? If the history would have been made by the Blacks, Shaqa and his folks would have been the good people who defended their country against the cruel white intruders. And that is for sure!
Später hat sie uns verraten, dass sie nur gespielt hat und natürlich weiß, dass die Menschheit auf Evolution basiert …
Am nächsten Tag bin ich mit Theo, Moira und Garry (Moiras Sohn) zum Rhino & Lion Park gefahren (Bilder hiervon könnt ihr euch hier anschauen: http://www.box.net/shared/7p6nptu4za).
Das war ziemlich cool: man kann dort mit dem Auto durch den riesigen Park fahren und sich Löwen, Sträuße, Gnus, Zebras, etc. anschauen ohne durch Zäune von ihnen getrennt zu sein.
Es gab sogar einen Bereich wo man zu den Raubkatzen-Babys ins Gehege gehen kann um mit ihnen zu spielen … Sweet!
Wenn ich später ein Haustier habe, wird’s ein Löwe sein (Garfield in groß: faul und verfressen)
Abends bin ich mit Bert, Theo und Bongani nach Melville gefahren: eine Gegend, in der ziemlich viele Bars und Kneipen sind … An dem Abend bin ich das erste Mal einen anderen Weg als zur Arbeit gefahren … im dunkeln! Aber ich konnte ja zum Glück einfach hinter Bert hinterherfahren :-p
Wir waren erst im Buzz9 um leckere Burritos zu verköstigen und anschließend auf die andere Straßenseite der 7th Street (Straße, wo ausschließlich Nachtleben herrscht) ins Statement: ein sehr nettes Cafe mit gemütlichen Sofas und guten Cocktails …